Geschichte » Sprachgeschichte »
Ladinien
Die ladinische Sprachgeschichte geht einher mit der Geschichte der Besiedlung des Alpenraums und beginnt mit der Eroberung durch die Römer, die in die Alpenländer vordrangen, um die dort lebende Bevölkerung zu unterwerfen. Bereits der Name der Sprache legt die Vermutung nahe, dass sie eng mit dem Lateinischen, mit der Sprache der Soldaten und Händler aus Rom, verwandt ist.
Die ladinischen Gebiete wurden zu verschiedenen Zeitpunkten erobert: Als erstes Gebiet fiel bereits im dritten Jahrhundert vor Christus die Gallia Cisalpina unter römische Herrschaft. Im Jahr 181 wurde Aquileia gegründet, von wo aus die Romanisierung der Paläoveneter und der Karner begann. Im Jahr 35 scheint die Eroberung des Cadore abgeschlossen, während Rätien im Jahr 15 v. Chr. den Römern unterlag. Die Politik der Römer, vor allem die von Kaiser Augustus, war auf Frieden und auf die Vermeidung von großen Schlachten und Kriegen ausgerichtet.
Von der rätischen oder keltischen Sprache, d.h. von den vor der Eroberung durch die Römer in diesen Gebieten gesprochenen Sprachen, gibt es kaum noch Spuren. Einige Wörter blieben bis heute erhalten: z.B. bedoi (Birke), brama (Sahne) oder dlasena (Schwarzbeeren). Andere Wörter wie barantl (Legföhre), crëp (Berg), morona (Kette), nida (Buttermilch) oder roa (Mure) gelten als noch älter und können nicht auf lateinische Wurzeln zurückgeführt werden, weshalb sie im Allgemeinen dem alpinen Wortschatz aus der Zeit vor der Eroberung durch die Römer zugeordnet werden.
Bezüglich der Aussprache weist der Wandel vom langen lateinischen Phonem /û/ in "ü", das derzeit nur noch im Gadertalischen vorkommt, aber früher auch in den Dialekten der anderen Täler üblich war, auf eine keltische Substrateinwirkung hin. Im Übrigen zeichnet sich das Dolomitenladinische ausschließlich durch Merkmale aus, die - sowohl was die Wortbildung als auch was die Wörter selbst anbelangt - auf lateinische Wurzeln zurückgeführt werden können. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang Wörter wie plöia (lateinisch PLUVIA(M)), fre (lateinisch FRATRE(M)) oder e (lateinisch CAPUT)
Das neulateinische Element in den Alpensprachen wurde dann langsam durch den germanischen Einfluss der Völker aus Mitteleuropa zurückgedrängt oder gar ersetzt. Ab dem VI. Jahrhundert n. Chr. dringen diese Völker immer weiter in den Süden vor. Der Germanisierungsprozess breitet sich verstärkt aus und erreicht in kurzer Zeit auch die Nachbarregionen rund um die heutigen ladinischen Täler. Die neulateinischen Gebiete geraten vermehrt unter den Einfluss der Eroberer aus dem Norden und die Zahl derer, die Ladinisch sprechen, nimmt zusehends ab. Auch in den Gebieten, in denen sich das Ladinische halten konnte, wurden sehr viele germanische Wörter assimiliert. Darüber hinaus fand eine ähnliche Entwicklung statt, wie sie einige Jahrhunderte zuvor durch das Lateinische ausgelöst worden war; das germanische Element setzt sich in verschiedenen Bereichen durch und beeinflusst die Phonetik, den Wortschatz, die Morphologie und die Syntax.
Zum germanischen Substrat gehören z.B. Wörter wie stlet (von “schlecht”), galber (von “Gerber“) oder plata (von “Blatt”). Was die Syntax anbelangt, trug das Germanische zur Verstärkung eines Phänomens bei, das früher auch die norditalienischen Dialekte, das Altfranzösische oder andere romanische Sprachen kennzeichnete; gemeint ist das obligatorische Subjekt, ein bis heute typisches Merkmal der deutschen Sprache und natürlich auch der ladinischen Idiome.