Die fünf bündnerromanischen Idiome: Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran, Puter und Vallader.


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Rumantschia

Das Einzugsgebiet des Romanischen in Graubünden umfasst die Regionen am Vorderrhein (Surselva), Teilgebiete am Hinterrhein (Sutselva), das Oberhalbstein und das Albulatal (Surmeir), das Ober- und Unterengadin sowie das Münstertal. Jede dieser Regionen besitzt ihr eigenes Idiom. Die fünf Idiome gelten als romanische Schriftsprachen. Das gesamte Spektrum aller lokalen Mundarten können die Schriftsprachen aber bei weitem nicht einfangen.
Seit 1982 existiert mit dem Rumantsch Grischun eine überregionale romanische Schriftsprache, welche 1996 zur offiziellen Verwaltungs- und Gerichtssprache des Bundes und des Kantons Graubündens erklärt wurde.
Bis zum zweiten Weltkrieg war die romanische Kultur eine reiche, vom Bauerntum, Handwerk und Gewerbe getragenen Kultur, die auch die Sprache selbst weitgehend geprägt hat. Heute ist diese Kultur in Romanischbünden vielerorts von einer mehr oder weniger globalisierten Kultur überlagert worden. Die wirtschaftliche Entwicklung hat die Bündnerromanen auch sprachlich „entwurzelt“: Die alte Sprache der Bauern und Handwerker ist ihnen fremd geworden und die moderne Welt dringt meist in deutschem oder englischem Gewand in den bündnerromanischen Tälern.
Die Abgeschiedenheit der Idiome und der spärliche Kontakt unter den Romanen der verschiedenen Talschaften hat dazu geführt, dass sich bis heute kein wirkliches romanisches Identitätsgefühl entwickeln konnte.  Die Sprachwissenschaft setzte sich erstmals um 1850 mit der bündnerromanischen Sprache auseinander. 1873 publizierte Graziadio Isaia Ascoli seine Untersuchung, in welcher er alle romanischen Dialekte vom Oberalppass durch ganz Romanischbünden und weiter nach Osten durch das Dolomitenladinische und das Friulanische Gebiet bis an den Golf von Triest untersuchte. Ascoli ging davon aus, dass die Dialekte in diesem Gebiet Fragmente einer früher zusammenhängenden linguistischen Zone seien. Seit etwa 1910 wird diese Auffassung stark angezweifelt (Questione ladina). Jüngere, mit sprachstatistischen Mitteln (Dialektometrie) vorgenommene Klassifikationen scheinen aber die Adäquatheit der Ascoli-Definition vollinhaltlich zu bestätigen.
Hier sollen nur einige Züge, die immer wieder für das bündnerromanische Gebiet als charakteristisch gelten, skizziert werden:Die Erhaltung des auslautenden –s erhält immer wieder eine hervorragende Stellung als sprachliches Charakteristikum. So bildet das gesamte Bündnerromanische (mit einer Ausnahme) den Plural im Nominalbereich auf –s:

  • il mir < ILLO MURU 'die Mauer' – ils mirs < ILLOS MUROS 'die Mauern'

Die erwähnte Ausnahme in der Pluralbildung betrifft die schwachen Partizipien des Perfekts im Surselvischen, die im Maskulinum einen i-Plural aufweisen:

  • il delegau – ils delegai  'der Beauftragte' – 'die Beauftragten'

Diese Insel der i-Plurale in einem Meer der s-Plurale stellt einen Archaismus in der Morphologie des Bündnerromanischen dar, weil sie ein Stadium der Zweikasusflexion belegt. Einen weiteren Hinweis auf eine alte Zweikasusflexion, wie wir sie aus dem französischen Mittelalter kennen, liefert das prädikative –s des surselvischen Adjektivs:

  • il caschiel ei buns  'der Käse ist gut'

Neben der Erhaltung dieses auslauteneden –s hat ebenfalls nur das Bündnerromanische den lateinischen Pluraltyp der alten Neutra ILLA CORNUA, ILLA BRACHIA mit dem originellen Artikel ILLA > la bewahrt:

  • la corna   'die Hörner'
    la bratscha   'die Arme'

Im Unterschied zu den übrigen romanischen Sprachen haben mehrere bündnerromanische Idiome nicht das gemeinromanisch mit HABEO gebildete Futur übernommen. Das Futur wird stattdessen mit dem Verb VENIRE gebildet:

  • el vegn a scriver  'er wird schreiben'  –  il écrirai

Weitere Informationen hierzu:

Liver, Ricarda: Rätoromanische. Eine Einführung in das Bündnerromanische. Tübingen, 1999.

Lexikon der romanistischen Linguistik (LRL). Hrsg. von G. Holtus, m. Metzeltin, Chr. Schmitt, vol. III: Rumänisch, Dalmatisch/Istroromanisch, Friaulisch, Ladinisch, Bünderromanisch. Tübingen, 1989.

Rohlfs G.: Rätoromanisch, die Sonderstellung des Rätoromanischen zwischen Italienisch und Französisch. München, 1975.

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