Romanisch im Schulunterricht
Foto © Keystone
Öffentliche Dienste » Schule »
Rumantschia
Ende des 18. Jahrhunderts erreichten die Gedanken der Aufklärung Graubünden. Diese neue Denkart war der Antrieb für die Schaffung erster öffentlicher Schulen. Bislang gab es nur zwei private Schulen in Reichenau und Haldenstein (Nähe von Chur). Die wenigen, die lesen und schreiben konnten, hatten dies mit schwierigen religiösen Texten erlernt. 1818 schrieb und unterrichtete Andrea Rosius A Porta erstmals mit einem eigens für die Schule konzipierten Buch (Ftan im Engadin). Wenig später tat es ihm Mattli Conrad in Andeer (Sutselva) gleich. A Porta und Conrad waren beide protestantische Pfarrer und finanzierten selber Schulbücher und Unterricht.
1843 übernahm dann der Kanton Graubünden die Schule. Somit wurde die Schule für Jedermann zur Pflicht. 1846 folgte die Herausgabe von drei Schulbüchern: eins in deutscher, zwei in bündnerromanischer Sprache.
Auch heute stellt der Kanton die Lehrmittel für die Primarschulen zur Verfügung. Die bündner Lehrpläne unterscheiden heutzutage zwischen deutsch-, italienisch- und romanischsprachigen Grundschulen.
Die traditionelle bündnerromanische Schule gehört wohl zu den ältesten und bewährtesten zweisprachigen Schulsystemen überhaupt. Im Unterschied zu den meisten übrigen zweisprachigen Schulsystemen, welche als Folge der positiven Forschungsergebnisse ab den 1970er Jahren entstanden sind, entwickelte sich die Zweisprachigkeit der romanischen Schule im Laufe des 19. Jahrhunderts eher beiläufig aus der sprachpolitischen und –kulturellen Realität Graubündens heraus. Da dieses Schulsystem nicht von interessierten Eltern oder Lehrern ins Leben gerufen worden ist, widerspiegelt es ganz einfach die Normalität, so dass das Bewusstsein, etwas ausserordentlich Wertvolles zu besitzen, bei Bevölkerung und Behörden nicht oder kaum vorhanden ist.
Der Kanton Graubünden zählt aktuell (Stand 01.01.2009) 190 Gemeinden, wovon in etwa 100 im traditionellen romanischen Sprachgebiet liegen. Bündnerromanisch wird vom Kindergarten bis zur Universität unterrichtet. Die romanischen Gemeinden führen einen romanischen oder einen romanisch-deutschen Kindergarten. Die Kindergärten haben eine wichtige Funktion für die Erhaltung und Förderung der Sprache, sowie für die sprachliche Integration anderssprachiger Kinder.
Der Grossteil der Gemeinden im traditionellen Sprachgebiet führt eine romanische Schule (im Kindergarten und von der ersten bis zur vierten Klasse ist der Unterricht nur romanischsprachig, von der 4.-6. Klasse wird Deutsch als Fach unterrichtet),
Auf der Oberstufe gilt in Gemeinden mit Romanisch als Unterrichtssprache auf Primarschulstufe 3 Lektionen pro Woche Romanisch als Pflichtfach. In der Berufs- und Mittelschule werden unterschiedliche Anzahl Lektionen Romanisch als Pflicht- oder Wahlfach angeboten. Zwei Schweizer Universitäten bieten ein weit gefächertes Bildungsangebot zur bündnerromanischen Sprache und Literatur an (mehr Informationen in: Facts & Figures, 2004, S.48-57). Zudem bietet die Pädagogische Hochschule Graubünden in Chur zwei Studiengänge, Kindergarten und Primarschule, in den drei Kantonssprachen Deutsch, Rätoromanisch und Italienisch an.
Bis 2004 erschienen die Lehrmittel für Romanischbünden in fünf verschiedenen Schriftsprachen (Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran, Puter, Vallader). Dies war mit sehr grossem Aufwand und hohen Kosten verbunden. Seit 2005 erscheinen alle vom Kanton in bündnerromanischer Sprach herausgegebenen Lehrmittel in der Standardsprache Rumantsch Grischun. Im August 2007 haben die Primarschulen von 23 Pioniergemeinden mit der Einführung des Rumantsch Grischun als geschriebene Sprache in den ersten Klassen begonnen, im Herbst 2008 und 2009 sind die Primarschulen weiterer 11 respektive weiterer sechs Gemeinden hinzugekommen.